Wilo-Abwassertage in Hof und Dortmund: Von der EU-Richtlinie bis zur KI
Die Teilnehmenden des Wilo-Abwassertags am 6. Oktober 2026 im Wilo-Werk Hof. (Bildquelle: WILO SE)
Eröffnung an beiden Standorten
In Hof eröffnete Thomas Lang, Group Vice President der Wilo SE, die Veranstaltung mit Einblicken in die Unternehmensentwicklung sowie die wachsende Bedeutung von KI und digitalen Technologien. Zudem ging er auf das Energiekonzept des Werks ein: Das Hofer Wilo-Werk deckt seine Wärmeversorgung nach Unternehmensangaben mittlerweile ausschließlich über ein integriertes Energiesystem aus Biogaswärme und einer Hackschnitzelheizung – also zu 100 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen.
In Dortmund begrüßte Tim Hütter, VP Global Strategy & Generalbevollmächtigter der Wilo SE, die Teilnehmenden. Neben der Unternehmensentwicklung und der zunehmenden Bedeutung von Künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien stellte er zwei Wasserprojekte in Marokko und Ägypten vor, bei denen große Pumpen aus dem Wilo-Werk zum Einsatz kommen.
Neue Europäische Kommunalabwasserrichtlinie
Den fachlichen Auftakt bildete an beiden Standorten der Vortrag von Prof. Dr.-Ing. habil. Martin Wagner von der Technischen Universität Darmstadt zur neuen Europäischen Kommunalabwasserrichtlinie. Das Europäische Parlament hat diese am 27. November 2024 verabschiedet; 30 Monate nach der Verabschiedung muss die Richtlinie in nationales Recht eines jeden Mitgliedstaates umgesetzt werden. Wesentliche Neuerungen sind die Erweiterung der Drittbehandlung (Nährstoffe P/N), die Einführung der Viertbehandlung (vierte Reinigungsstufe) sowie die Energieneutralität.
Für Deutschland stellt sich nun die Frage, ob die Überwachung der einzuhaltenden Ablauf-Parameter weiterhin mit der 2-Stunden-Mischprobe bzw. der qualifizierten Stichprobe oder künftig mit der mengen- oder zeitproportionalen 24-Stunden-Mischprobe erfolgen soll. Erste Äußerungen deutscher Stakeholder deuten darauf hin, die 24-Stunden-Mischprobe zur Überwachung der Einleitkonzentrationen oder -frachten einzuführen.
Hof: Nutzwasser und photonische Sensoren
In Hof gab Maria Thiel, Doktorandin am Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft der TU München, einen Überblick über den Einsatz von Nutzwasser als alternative Wasserressource für landwirtschaftliche und urbane Anwendungen. Im Reallabor in Schweinfurt untersucht ein interdisziplinäres Forschungsteam die Wasseraufbereitung und -anwendung unter praxisnahen Bedingungen – einschließlich der Anforderungen an eine sichere und nachhaltige Nutzung.
Der Hitzesommer 2026 verdeutlichte, wie wichtig es ist, das Wasserportfolio von Städten und Gemeinden zu diversifizieren: Mit dem Inkrafttreten des Alarmplans Main im Juni nahm die Nachfrage nach Nutzwasser sprunghaft zu. Weitergehend aufbereitetes Wasser könne eine trockenheitssichere Ergänzung der bestehenden Wasserversorgung darstellen, insbesondere für landwirtschaftliche Bewässerung und urbane Anwendungen. Voraussetzung sei ein proaktives Risikomanagement mit frühzeitiger Identifikation möglicher Risiken, geeigneter Überwachung der Wasserqualität und Berücksichtigung der jeweiligen Anforderungen an Aufbereitung und Anwendung.
Prof. Dr. Schnabel von der Hochschule Hof sprach über „Innovative photonische Sensoren für die Online-Analytik von Wasser und Abwasser“. Der chemische Sauerstoffbedarf (CSB) ist ein wichtiger Parameter zur Bewertung der organischen Belastung von Abwasser, konventionelle Analyseverfahren eignen sich jedoch nur eingeschränkt für eine kontinuierliche Prozessüberwachung. Untersucht werden daher zwei reagenzienfreie Messprinzipien: ein photoelektrochemischer Sensor auf Basis von Titandioxid (TiO₂) sowie ein optisches Sensorsystem auf Basis von Fluoreszenz- und Absorptionsmessungen. Beide Ansätze zeigen deutliche Zusammenhänge zwischen den erfassten Sensorsignalen und dem CSB und wurden auch anhand realer Abwasserproben untersucht. Durch die Kombination verschiedener Messprinzipien und den Einsatz datenbasierter Auswertungsverfahren könnten künftig neben dem CSB auch weitergehende Informationen über die Zusammensetzung des Abwassers gewonnen werden.
Dortmund: Verstopfungsfreiheit und Wirkungsgrad
In Dortmund befasste sich Prof. Dr.-Ing. Paul Uwe Thamsen von der Technischen Universität Berlin mit Verstopfungen und der Effizienz von Abwasserpumpen. Abwasserpumpen müssen einerseits verstopfungsfrei funktionieren, andererseits einen möglichst hohen Wirkungsgrad erreichen. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass eine gute Verstopfungsfreiheit den Wirkungsgrad stark verringert, konnte in einer umfangreichen Forschungsarbeit nachgewiesen werden, dass eine optimale Ausführung der Abwasserpumpe beide Bedingungen zufriedenstellend erfüllt.
Digitale Abwasserpumpen und Auslegungstools
Mario Hübner, Manager System Engineering bei Wilo, widmete sich der Transformation zu smarten Abwasserpumpsystemen. Im Mittelpunkt standen die Baureihen Wilo-Rexa SOLID-Q und die seit der IFAT verfügbare Wilo-Rexa SOLID-G, die für die Förderung von Rohabwasser in kleinen und mittelgroßen Pumpstationen entwickelt wurden und sowohl in Nass- als auch in Trockenaufstellung eingesetzt werden können.
Das im Motor integrierte digitale Datenschnittstellen-System umfasst eine IP-basierte Ethernet-Schnittstelle, einen integrierten Datenlogger, ein digitales Typenschild sowie eine integrierte Schwingungsüberwachung. Bei der kleineren Maschine ist das neue DDI 2 wesentlich kompakter und direkt über die Kabeleinführung integriert; die Pumpe lässt sich so mit nur einem Stecker in die Anlage einbinden. Über den integrierten Webserver kann die Pumpe lokal via Touch-Panel oder über einen Computer gesteuert und überwacht werden. Die browserbasierte Oberfläche stellt unter anderem die Bedienungsanleitung, das digitale Typenschild sowie Motor- und Hydraulikdaten bereit; über standardisierte Netzwerkprotokolle ist eine Einbindung in cloudbasierte Fernüberwachungssysteme möglich. Betriebsdaten wie Wicklungs- und Lagertemperaturen oder Werte externer Sensoren werden im Datenlogger gespeichert und können für Analysen und die Fehlerdiagnose exportiert werden.
Tobias Blumenhofer, Project Manager Product Selection Tools, stellte mit Wilo-Select 6 den digitalen Weg zu effizienten Wasser- und Abwasserlösungen vor. Dabei wurde deutlich, welchen Beitrag digitale Planungstools leisten können, um technische Lösungen schneller, präziser und bedarfsgerechter auszulegen. In seiner Präsentation gab er einen kompakten und praxisnahen Überblick über Wilo-Select 6 und veranschaulichte, wie Anwender mit dem Tool ihre Pumpen passgenau auf den jeweiligen Betriebspunkt auslegen können. Im Mittelpunkt stand der konkrete Nutzen für den Anwender: Anhand einer Abwassertauchpumpe demonstrierte er Schritt für Schritt die hydraulische Auslegung, die Selektion, die Optimierung des Betriebspunkts sowie die passende Zubehörauswahl. Zudem hob er hervor, welche wichtigen Produktinformationen Wilo den Nutzerinnen und Nutzern entlang dieses Prozesses an die Hand gibt.
Rührwerke: CFD-gestützte Auslegung und IE5-Antriebe
Unter dem Titel „Strömung verstehen, Energie sparen“ zeigte Tobias Duckheim, Spezialist für simulationsbasierte Auslegung in der Abwasserbehandlung, wie Strömungsmessungen und CFD-Simulationen zur Entwicklung von Auslegungsmethoden für Rührwerke in Belebungsbecken eingesetzt werden. Er erläuterte, wie sich die Einflüsse von Geometrie, Belüftung und Anordnung systematisch untersuchen und in belastbare Auslegungskorrelationen überführen lassen. Ein Praxisbeispiel aus dem Anlagenbetrieb zeigte das Potenzial zur Reduzierung des Energieverbrauchs.
Manuel Wolter, Spezialist für angewandte Rührwerkstechnik, stellte die neue Baureihe von Tauchmotorrührwerken Wilo Flumen Excel TRP 216-1…TRP 326-4 mit PM-Motoren vor, die das bisherige Programm ergänzt. Die Schub- und Leistungsbereiche können damit fortan mit Ultra Premium Synchronmotoren in IE5 abgedeckt werden. Über optional auswählbare Überwachungsfunktionen in Verbindung mit dem Digitalen Data Interface (DDI Next) lassen sich die Rührwerke in das bauseits vorhandene Anlagenkonzept integrieren; als Übertragungsprotokolle stehen unter anderem Modbus TCP und OPC UA zur Verfügung.
Künstliche Intelligenz in der Wasserwirtschaft
Dr. Ina Dormuth, Data Scientist bei Wilo, sprach über die Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz für die Wasser- und Abwasserwirtschaft, etwa bei der Auswertung großer Datenmengen und dem effizienteren Betrieb von Systemen. Sie stellte die WATER AI-Strategie von Wilo vor – von Lösungen für KI-getriebene Industrien über die Optimierung interner Prozesse bis hin zur Integration von KI in Produkte und Systeme – und erläuterte bereits etablierte Anwendungen sowie aktuelle Entwicklungsprojekte.
Podiumsdiskussion und Werksführungen
Den Abschluss des Fachprogramms bildete an beiden Standorten eine Podiumsdiskussion, in der die Themen des Tages – gesetzliche Anforderungen, technologische Entwicklungen, Digitalisierung, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit – zusammengeführt wurden. Interessierte Teilnehmende konnten zudem bei Werksführungen in Hof und im WILOPARK Dortmund die Produktion kennenlernen.

Quelle: WILO SE
