29. Praktikerkonferenz Graz: „Pumpen in der Verfahrenstechnik“ – drei Tage Praxis, Forschung und das offene Wort
Die 29. Praktikerkonferenz fand vom 13.-15.04.2026 im Congress Graz statt. (Bildquelle: Christoph Becker, VSX - VOGEL SOFTWARE GmbH)
Ein Insight-Bericht von Christoph Becker, CEO von VSX
Tag 1: Vom Daten-Zeitalter zur Knowledge Era
Den Auftakt machte Alexandre Lacour, CEO der SOMEFLU SAS und Präsident von EUROPUMP, mit einem Vortrag, der den Rahmen für die kommenden Tage setzte: „Towards a Knowledge-Driven European Pump Industry – Transforming data into industrial intelligence“. Lacour ging weit aus – vom OECD-Befund von 1996, wonach Wissen wichtiger sei als Rohstoffe und Kapital, über Russell Ackoffs Pyramide Daten → Information → Wissen → Weisheit bis zu Googles GraphCast-Modell, das in unter einer Minute leistet, wofür Supercomputer Stunden brauchen. Den Kerngedanken brachte er in einem Bild auf den Punkt:
„Data tells you the pump is failing. Prediction tells you it will fail – in the coming weeks. Knowledge tells you why – and how to prevent it.“
Damit war auch das Selbstverständnis von EUROPUMP umrissen, dem europäischen Dachverband der Pumpenhersteller mit 15 nationalen Verbänden, über 450 Mitgliedsunternehmen und rund 100.000 Beschäftigten. Lacour erinnerte daran, dass Pumpen rund 22 Prozent des industriellen Stromverbrauchs in Europa ausmachen. Über den Lebenszyklus einer Pumpe entfallen etwa zwei Drittel der Kosten auf den Energiebezug. Durch richtige Auslegung, variable Drehzahlen und digitales Monitoring seien Einsparungen von bis zu 30 Prozent realistisch. Der eigentliche Wandel liege noch davor: Die Pumpe entwickle sich vom mechanischen Bauteil über das vernetzte System zum „intelligent agent“ – einer Maschine, die sich selbst diagnostiziert, im Klartext mit dem Operator kommuniziert und Lasten in Echtzeit optimiert. An die Hersteller richtete Lacour einen konkreten Appell: Daten strukturieren, mit kleinen Pilotprojekten beginnen, in den europäischen Arbeitsgruppen mitwirken. Sein Schlusssatz aus Graz fasste die Haltung zusammen:
„True success will mean that companies of all sizes recognize that Europump has helped them become more competitive, more sustainable, and more confident on their transformation roadmap.“
Wie nah Theorie und Praxis in Graz beieinander liegen, zeigte Jürgen Weinerth von der BASF Ludwigshafen. Sein Vortrag war ein Streifzug durch nicht alltägliche Schadensfälle – also genau das, wofür die Praktikerkonferenz seit Jahrzehnten geschätzt wird: ein ungeschönter Blick auf das, was im Anlagenalltag wirklich passiert. Weinerth zeigte, wie eng Ursache und Wirkung bei Pumpenschäden zusammenhängen, warum die reine Bauteilbetrachtung zu kurz greift und weshalb jede ernsthafte Schadensanalyse beim System ansetzen muss. Fehler im Betrieb von Kreiselpumpen, ungewöhnliche Schadensbilder, Erkenntnisse aus der Praxis – im Auditorium nickten viele, die Ähnliches schon erlebt hatten.
Eine Frage, die in den letzten Jahren drängender geworden ist, griff Florian Koch von der Viskase/Walsroder Casings GmbH auf: Mehr Effizienz, mehr Probleme? Seine Erfahrungen aus der Praxis zeigten, wie Energiesparmaßnahmen in einem Anlagenteil unerwartete Folgen an anderer Stelle haben können – und wie aus dem klassischen „Durchdrücken“ heikler Betriebspunkte Probleme werden, die zuvor verborgen waren. Für die Instandhaltung liegt darin ein klarer Mehrwert: Sichtbarkeit, gepaart mit dem Wissen, wo man hinschauen muss. Energieeffizienz und Anlagensicherheit finden eben nicht im Selbstlauf zusammen – ein Thema, das uns derzeit auch auf der IFAT in München an vielen Ständen begegnet.
Tag 2: Von der Abwasserförderung bis zur Exzenterschneckenpumpe
Der zweite Konferenztag begann mit einem Thema, das in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat: der Abwasserförderung. Paul-Uwe Thamsen von der TU Berlin, Fluidsystemtechnik, stellte Forschungsergebnisse vor, die zeigen, wie sich Verstopfungszustände durch den gezielten Einsatz von Drucksensoren früh erkennen lassen. Sensorik also nicht als Selbstzweck, sondern als Werkzeug für den zuverlässigen Anlagenbetrieb. Tobias Depner von Düker Solutions GmbH ergänzte mit einem Beitrag dazu, wie sich Sperrstoffe aus dem Abwasser mithilfe eigenmediumgesteuerter Separatoren entfernen lassen.
Welche Dimensionen kommunale Großprojekte annehmen können, machte Jörg Gensler von der Münchner Stadtentwässerung deutlich. Er führte durch das Bauvorhaben einer über 4,2 Kilometer langen, molchbaren Druckleitung, die künftig Zentrat vom Heizkraftwerk Unterföhring zum Klärwerk München I transportieren soll. Ein komplexes Projekt, das viele Fragen aus dem Publikum nach sich zog.
Den Bogen zurück zur Eröffnungsbotschaft schlug Christian Ellwein von der Kriwan Industrie-Elektronik GmbH. Am Beispiel eines Zulaufpumpwerks einer Kläranlage zeigte er, wie sich KI gezielt für die Fehlersuche in Pumpsystemen einsetzen lässt. Bemerkenswert war dabei weniger das Schlagwort KI als die Zuverlässigkeit der gezeigten Ergebnisse – ein praktischer Beleg, dass Lacours „Knowledge Era“ keine ferne Vision ist, sondern bereits im Schaltschrank realer Anlagen Einzug hält.
Alexander Böhm von der KSB SE & Co. KGaA teilte anschließend Erfahrungen mit superharten Dünnschichten für den Verschleißschutz von Pumpenteilen und stellte Ergebnisse aus Feldversuchen mit amorphen Kohlenstoffschichten vor. Schwingungen im Pumpsystem – ein Klassiker unter den Betreiberproblemen – griff Pia Wiesmann von Flender GmbH auf. Sie erklärte, warum sorgfältig gewuchtete Kupplungen so wichtig sind, und ging die gängigen Wuchtverfahren durch. Ein Vortrag, der im Auditorium hörbar Anklang fand.
Paul Krampe von Vogelsang GmbH & Co. KG führte durch die Geschichte eines „Exoten“ in der Pumpenwelt – der Exzenterschneckenpumpe. Im Industrieeinsatz spielt sie ihre Stärken bei der Servicefreundlichkeit und, richtig betrieben, auch bei der Energieeffizienz aus. Den Abschluss des Tages bestritten Erwin Weber von NETZSCH Pumpen & Systeme GmbH und Benedikt Haider von GHS Separationstechnik GmbH. Sie sprachen über das Zusammenwirken von Pumpen und Zentrifugen in der Verfahrenstechnik und zeigten, wie eine nachhaltige, energieeffiziente Auslegung dem Betreiber- und Servicealltag zugutekommt.
Tag 3: Praxis, Schadensfälle und ein Blick in die Simulation
Der letzte Konferenztag gehörte den Anwendern. Christian Ostendorf von Evonik Operations GmbH und Dariusz Jablonski von der Bayer AG berichteten gemeinsam über den Betrieb von Doppelmembranpumpen in herausfordernden Einsatzbereichen. Ausgehend von einem speziellen Schadensfall zeigten sie, wie aus der Aufarbeitung eines Problems Leitfäden zur sicheren Auslegung und Mindestanforderungen an Hersteller entstehen können. Betreiberwissen, das in dieser Form selten öffentlich geteilt wird – und deshalb in Graz seinen Platz hat.
Michael Wilde von BP Europa SE lenkte den Blick auf ein Detail mit großen Folgen: welche Schäden an Gleitringdichtungen entstehen können, wenn Rohrleitungseinflüsse unterschätzt werden. Christian Schröder wiederum führte durch den Wandel der Raffinerie Shell Energy and Chemicals Park Rheinland – eine Standortgeschichte, an der man sehen kann, wie sich industrielle Transformation in der Pumpenwelt niederschlägt.
Den Abschluss bestritten Arne Götzel von der HYDROWATT AG und Andreas Spille von CFX Berlin Software GmbH. Götzel berichtete über die Auswirkungen von Luftblasen im Zulauf einer Hochdruckanlage – ein Thema, das zeigt, wie empfindlich auch robust ausgelegte Systeme auf kleine Störgrößen reagieren. Spille schloss mit dem validierten Design rotierender Verdrängerpumpen mittels Strömungssimulation. Anhand konkreter Beispiele ging er den Simulationsworkflow vom Design bis zum Ergebnis durch – und schloss damit zugleich den Bogen zur Eröffnung. Denn ob Strömungssimulation, KI-gestützte Fehlersuche oder digitales Monitoring: Alle diese Werkzeuge nähren jene Wissensbasis, von der Alexandre Lacour zwei Tage zuvor gesprochen hatte.

Ausblick: Die Jubiläumsausgabe wirft ihre Schatten voraus
Was bleibt nach drei Tagen Graz? Der Eindruck, dass die Pumpenbranche die großen Themen der Zeit – Digitalisierung, Energieeffizienz, Verschleißschutz, Anlagensicherheit – nicht als Schlagworte verhandelt, sondern an konkreten Projekten, Schadensbildern und Lösungsansätzen. Diese Mischung aus wissenschaftlicher Tiefe und praktischer Bodenhaftung macht die Praktikerkonferenz seit Jahrzehnten zu einem Termin, den man sich vormerkt.
Die Vorfreude auf die Jubiläumsausgabe im April 2027 ist entsprechend groß. Zur 30. Praktikerkonferenz Graz „Pumpen in der Verfahrenstechnik“ werden erneut Betreiber, Planer, Hersteller sowie Forscherinnen und Forscher aus der Pumpenbranche erwartet. Details folgen in absehbarer Zeit. Eines aber bleibt, wie es immer war: In Graz wird das offene Wort gepflegt.
Quelle: VSX – VOGEL SOFTWARE GmbH

