Die Schwammstadt wird zur Hitzeschutz-Strategie
Wasser müsse dort gemessen werden, wo es falle, versickere, genutzt werde oder fehle, erklärte Kunstmann. Besonders wichtig sei die Verbindung von Hochwasserschutz und Trockenheitsmanagement. Wasser, das bei Starkregen schnell aus Städten und Landschaften abgeführt werde, fehle wenige Monate später in Hitzeperioden zur Kühlung, Bewässerung, Grundwasserneubildung und Versorgung.
Kunstmann plädiert deshalb für Schwammstadt- und Schwammlandschafts-Konzepte. Städte sollten Regenwasser stärker zurückhalten, versickern lassen, speichern und für Kühlung nutzbar machen. Dazu gehören entsiegelte Flächen, begrünte Dächer, Rückhaltebecken, Mulden, Parks, Flussauen, angepasste Kanalnetze und eine bessere Grundwasseranreicherung. Die Umsetzung sei besonders im Bestand schwierig, weil bestehende Straßen, Kanäle, Leitungen und Eigentumsstrukturen verändert werden müssten.
Auch Thomas Beutel von Lutz-Jesco sieht in der regionalen Wasserplanung eine zentrale Aufgabe der kommenden Jahre. Wasser lasse sich nicht wie Strom behandeln. Während Strom über Netzparameter standardisiert verfügbar gemacht werden könne, hänge Wasser von pH-Wert, Härte, chemischer Zusammensetzung, Herkunft und lokaler Qualität ab. Für Kommunen und wasserintensive Branchen entscheide daher die konkrete regionale Verfügbarkeit in passender Qualität.
Beutel verweist auf vorhandene technische und wasserwirtschaftliche Ansätze. Regenwasserrückhaltebecken könnten Kläranlagen bei Starkregen entlasten. Alte Flussbetten und Retentionsflächen müssten erhalten werden, um Hochwasser Raum zu geben. In Regionen mit sinkenden Grundwasserständen könnten Flusswasser, Versickerung und gezielte Vorflut genutzt werden, um Grundwasserkörper zu stabilisieren.
Kunstmann sieht zugleich erheblichen Nachholbedarf beim Monitoring. Technisch seien Zähler, Sensoren, Pegelmessungen und Datenübertragung verfügbar. Ohne verlässliche Daten über Entnahmen bleibe der Wasserhaushalt jedoch unvollständig. Das erschwere die Planung gegen Hitze, Trockenheit und Nutzungskonflikte.
Für Städte werde Klimaanpassungsmanagement damit zu einer Querschnittsaufgabe. Wasserwirtschaft, Stadtplanung, Tiefbau, Grünflächenämter, Landwirtschaft, Industrie, Katastrophenschutz und Wissenschaft müssten enger zusammenarbeiten. Kunstmann fordert dafür Förderinstrumente, die gemeinsame Pilotprojekte ermöglichen. Kommunen, Verbände, Landesämter, Wasserwirtschaftsämter und Forschung sollten regional erproben können, wie Messdaten, Schwammstadt-Umbau, Entnahmesteuerung und Bürgerkommunikation praktisch zusammenwirken.
Der Wasserfußabdruck gewinnt nach Einschätzung Kunstmanns ebenfalls an Bedeutung. Er könne zeigen, wie viel Wasser in Produkten, Prozessen und Lieferketten steckt. Gerade in Hitzesommern werde sichtbar, dass Wasser nicht allein eine Umweltfrage sei. Es betreffe Stadtentwicklung, Gesundheitsschutz, Landwirtschaft, Industrieansiedlungen und Infrastrukturfinanzierung.
Die zentrale Aufgabe lautet nach Einschätzung beider Experten: Kommunen müssen Wasser künftig länger in der Fläche halten, Entnahmen genauer kennen und regionale Wasserbilanzen zur Grundlage ihrer Planung machen. Nur so lassen sich Hitzeschutz, Trockenheitsvorsorge und Hochwasserschutz gemeinsam organisieren.
Quelle: Wirtschaftspublizist Gunnar Sohn
